Ihr Lieben,

ich bin zurück. Heute, fünf Wochen nach Nicolas‘ Geburt finde ich endlich Zeit um mal wieder in die Tasten zu hauen, euch zu berichten und zu erzählen, welch aufregende Zeit hinter uns liegt. Was soll ich sagen? Die Zeit verfliegt, sein erstes Lebensmonat hat Nicolas bereits hinter sich, er verändert sich täglich und mir wird bewusst, wie wenig Zeit ich als dreifach Mama habe um jeden Schritt ganz genau zu beobachten und auszukosten. Umso mehr genieße ich die vielen kleinen alltäglichen „Zwangspausen“, die nur uns beiden gehören, die nicht nur seinen Hunger stillen sondern auch mein Bedürfnis ihn einfach minutenlang anzusehen und ihm all das zu geben, was ich ihm in den ersten Lebenstagen nicht geben konnte.

Nicolas wurde am 5. Jänner um 11.16 Uhr geboren. Er kam per Kaiserschnitt zur Welt, das wussten wir bereits zuvor. Zwei Wochen nach dem letzten Gespräch mit meinem Arzt lag ich also zum dritten und letzen Mal auf einem OP-Tisch, um gemeinsam mit meinem Mann auf den ersten Schrei unseres Kindes zu warten. 

„Zwei Prozent aller Kaiserschnittbabys kommen mit einer Anpassungsstörung zur Welt.“ Als ich Nicolas zum ersten Mal sah und die Reaktion der Hebammen und Krankenschwestern rund um mich wahr nahm, dachte ich an die Worte meines Arztes beim Aufklärungsgespräch zwei Wochen zuvor und spürte sofort, dass etwas nicht stimmt. Später erfuhr ich, Nicolas gehörte zu diesen zwei Prozent.

Ich habe lange überlegt, ob ich unsere Geschichte mit euch teile. Ob es in Ordnung ist, sie mit Eltern zu teilen, die ihr erstes Kind erwarten und noch nicht wissen was auf sie zukommt. Ob diese Geschichte Frauen lesen sollten, die Angst vor einem Kaiserschnitt haben oder aber auch: sich nichts sehnlicher wünschen. Ich kam zu dem Entschluss, dass ich es erzählen möchte. Und zwar genau aus diesem einen Grund, dass immer mehr Frauen einer natürlichen Geburt mit Schmerzen ängstlich gegenüber stehen und deshalb einen geplanten „sicheren“ Kaiserschnitt vorziehen. Hätte ich die Wahl gehabt, hätt ich mich sofort für eine Spontangeburt entschieden, die Schmerzen in Kauf genommen und meine drei Kinder mit weniger Risiken zur Welt gebracht. Leider hatte ich diese Wahl aus gesundheitlichen Gründen nicht und möchte andere dazu ermutigen, sich vor der Entscheidung bewusst mit dem Thema Kaiserschnitt zu befassen und gut abzuwägen ob die Angst vor dem Schmerz eine Operation rechtfertigt. 

Als ich zwei Stunden später aus der Narkose geholt wurde, war ich allein. Nicolas wurde auf die Intensivstation gebracht, wo er für einige Tage bleiben sollte um „anzukommen“. Nachdem ich meinen kleinen Kämpfer von Krankenbett zu Inkubator kurz ansehen und berühren durfte, ihn unter den Schläuchen jedoch kaum erkennen konnte, lag ich heulend am Zimmer – vollgepumpt mit Medikamenten, Hormonen und Gedanken. Neben mir eines dieser kleinen, süßen Babybetten die auf einer Neugeborenen Station wie kleine Einkaufswägen durch die Gegend sausen. Leer. Auf so etwas war ich nun wirklich nicht vorbereitet. Ich hatte nämlich wirklich alle möglichen Vorkehrungen getroffen, nichts dem Zufall überlassen und dann lag ich da und fühlte mich einfach nur allein und begriff nicht was hier schief gelaufen war. In der Hand hielt ich ein gelbes Post-it, auf dem eine Intensiv-Schwester Nicolas‘ Gewicht und Größe gekritzelt hatte, da im OP keine Zeit war um ihn zu wiegen und zu messen, geschweige denn mir und meinem Mann Auskunft zu geben.

 

Nach vier Tagen wurde ich nach Hause entlassen und lies ihn zurück, pumpte literweise Milch ab um sie ihm täglich in die Klinik zu liefern. Es half mir sehr zu wissen, wenn wir schon um den Zauber der ersten Tage gebracht wurden, dass er zumindest etwas von mir bekam und ich nahm mir fest vor, zuhause jede einzelne Minute nachzuholen. Für mich und meinen Körper, der nach dem Eingriff doch etwas mehr Zeit brauchte um Alltägliches wieder ganz alleine zu bewältigen, war es dennoch gut so wie es war und ich konnte mich schonen und meine Kräfte sammeln, um Nicolas dann mit voller Energie versorgen zu können.

Als wir ihn endlich mit nach Hause bekamen, fiel die Anspannung ab und ich (immer noch vollgepumpt mit Hormonen) heulte bei jeder Gelegenheit drauf los. Mit einer der schönsten Momente war das gegenseitige Kennenlernen unserer Bubenbande. Maxi und Xandi mussten sich doch etwas länger gedulden als gedacht und fieberten dem Tag, an dem sie ihren kleinen Bruder endlich halten und ansehen konnten dementsprechend entgegen. Ich werde diese besonderen Bilder nie vergessen, denn sie erinnern mich immer daran, welch ein kostbares Geschenk wir mit unseren drei gesunden Kindern bekommen haben.

Nachdem ich die ersten Nächte zuhause bei jedem noch so kleinen Pieps von ihm sofort aufrecht im Bett saß um seine Atmung zu kontrollieren, haben wir uns allmählich eingelebt und können die Zeit mit ihm nun ohne Sorgen und Ängste genießen, denn: Er ist gesund und entwickelt sich bestens. Sein Appetit ist kaum zu bremsen und wenn er nach dem Stillen (das trotz Startschwierigkeiten bestens funktioniert) in meinen Armen liegt huscht meistens ein zufriedenes Lächeln über seine wunderschönen Lippen – ein Lächeln, das alle Herzen höher schlagen und die schlimmsten Sorgen vergessen lässt. Er fängt nun an uns bewusst wahrzunehmen und protestiert auch schon mal laut wenn er einfach so in sein Bett gelegt wird – gibt ja außerhalb viel mehr zu sehen und zu entdecken.

Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen ist es mit Maxi auf der Couch abzuhängen und seinen Geschichten und Liedern zu lauschen. Hier verfällt er in ein regelrechtes Anhimmeln und genießt es von seinem großen Bruder abgebusselt und bespaßt zu werden. Xandi sitzt meistens neben den beiden und kontrolliert ob Maxi den Kopf auch gut hält und nix passiert. Teamwork!

So meistern wir einen Tag nach dem anderen, mal mit mehr, mal mit weniger Schlaf. Mal mit lautem, mal mit leisem Geschrei. Mal mit Mittagessen um Zwölf, dann wieder erst um Zwei. Auf zwei Sachen kann ich mich aber an jedem Tag verlassen: Erstens, wir sind überglücklich nun zu fünft zu sein und zweitens, ich hab jeden Tag eine Waschmaschine voll Wäsche. Haha.